Gesellschaftliche Relevanz der Psychoanalyse - Nachruf auf Horst-Eberhard Richter von Regina Liedtke
Erstellt von: Kreativpraxis
am 22 Dez, 2011
Horst-Eberhard Richter /
Dr.med., Dr.phil. (geb. 28. April 1923 in Berlin; gest. 19. Dezember
2011 in Gießen
), Professor an der Universität Gießen für
Psychosomatik gehörte zu den ganz wenigen Psychoanalytikern, die sich offensiv
in und für diese Gesellschaft engagierten.
Nach seiner Kriegserfahrung
im 2. Weltkrieg als 18jähriger und der Ermordung seiner Eltern kurz nach
Kriegsende, verfaßte er eine Doktorarbeit über die philosophische Dimension des
Schmerzes. Von 1952 bis 1962 leitete er in Berlin eine Beratungs- und
Forschungsstelle für seelisch gestörte Kinder und Jugendliche. Seine dort
gemachten Erfahrungen mündeten in die Publikationen „Eltern, Kind und
Neurose. Die Rolle des Kindes in der Familie / Psychoanalyse der kindlichen
Rolle“ und „Patient Familie. Entstehung, Struktur
und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie“, die zu den tragenden
Säulen meiner Erzieherausbildung Anfang der 70er Jahre gehörten und mir für
meine spätere kindertherapeutische Arbeit eine wichtige Grundlage bildeten.
Nach kritischen Analysen der
sozialen Reformbewegung der 1970er Jahre erschien sein kulturphilosophisches
Werk „Der Gotteskomplex“. „Gott
sein, statt Gott haben“ wolle der moderne Mensch in seinem auf die
Naturwissenschaft gestützten Herrschaftswillen.
Seit den 80er Jahren war er
einer der maßgeblichen Leitfiguren der Friedensbewegung, für die er sich in
vielfältiger Weise aktiv einsetzte.
Das Ende seines literarischen
Werks bildet der Titel: „Moral in Zeiten der Krise“ ,erschienen 2010.
Zeit
seines Lebens hat sich H.E. Richter aktiv für die Reifung der menschlichen Persönlichkeit,
Gesundung unserer sozialen Beziehungen und eine ethisch bessere Welt eingesetzt
und steht damit m.E. in einer Reihe mit den Mitscherlichs (Vaterlose
Gesellschaft, Unfähigkeit zu trauern), Erich Fromm (Kunst des
Liebens, Haben oder Sein) sowie nach der deutsch-deutschen Wende
Hans-Joachim Maaz (Der Gefühlsstau u.a.).
Sich
berühren lassen und auch wenn´s weh tut, nicht zurückzuschlagen, sondern sich
für Verständnis und Verständigung einsetzen – das war sein Lebensmotto.

